An wen kann ich mich wann wenden?

Für chronisch erkrankte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer steht eine Vielzahl von Unterstützungsstellen zur Verfügung. In diesem Artikel zeigen wir auf, an welche Unterstützungsstellen Sie sich wann wenden können.

Grundsätzliche Überlegungen

Eine grundsätzliche Überlegung vorab besteht darin, ob die eigene Erkrankung am Arbeitsplatz bekannt gemacht werden soll oder nicht. Wenn Sie überlegen, ob Sie jemandem auf der Arbeit anvertrauen sollen, dass Sie eine chronische Erkrankung haben, ist es ratsam, sich persönlich beraten zu lassen. Denn jede Situation ist anders und jede Person und jeder Arbeitgeber reagiert anders. Was einmal „raus“ ist, kann nicht wieder zurückgenommen werden. Einen ersten Anhaltspunkt aus rechtlicher Sicht bietet Ihnen unser Artikel „Offenlegung der Erkrankung am Arbeitsplatz“.

In jedem Fall sollten Sie sich vor Kontaktierung einer Stelle, innerhalb oder außerhalb des Betriebes, darüber informieren, was diese Ihnen bieten kann. Dazu gehört auch, ob die notwendigen Fachkenntnisse vorhanden sind. Sie sollten sich auch darüber im Klaren sein, dass die jeweilige Stelle dann über Ihre Erkrankung bzw. Ihre Behinderung Bescheid weiß, mit allen Folgen, die dies unter Umständen haben kann.

Am Arbeitsplatz

Vorgesetzte oder Kolleginnen und Kollegen können am Arbeitsplatz eine wichtige Anlaufstelle sein. Welche Überlegungen bei der Einbindung von Kolleginnen und Kollegen eine Rolle spielen können, können Sie in unserem Artikel „Netzwerke aufbauen und nutzen“ nachlesen. Im besten Fall können mit Vorgesetzten oder Kolleg*innen „auf dem kurzen Dienstweg“ Absprachen getroffen werden, die die Arbeit für alle Beteiligten erleichtern können. Ist das Gleichgewicht aus Geben und Nehmen gegeben, sind Kollegen sehr wichtige Netzwerkpartner: Sie können im Krankheits- oder Krisenfall den Rücken freihalten, Aufgaben mal abnehmen und auch schlicht ein gutes Gefühl der Unterstützung geben.

Bei allem Verständnis für eine chronische Erkrankung bleibt der Chef aber auch Chef und der Arbeitnehmer bleibt Arbeitnehmer. Eine tragfähige Beziehung zu der/dem Vorgesetzten bedeutet deshalb nicht, die im Arbeitsvertrag geregelten Pflichten nicht mehr erfüllen zu müssen. Allerdings kann ein tragfähiges Netz dazu beitragen, gemeinsam kreative Lösungen zu finden, damit die Arbeit weiter zuverlässig erfüllt werden kann.

Viele chronisch erkrankte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben im Laufe ihrer Berufstätigkeit Kontakt zu Betriebsärzten. Betriebsärzte sind grundsätzlich keiner Seite gegenüber weisungsgebunden und unterliegen wie alle Ärzte der ärztlichen Schweigepflicht. Ihnen kommt eine wichtige Aufgabe zu, wenn es um die Wiedereingliederung nach Rehabilitationsmaßnahmen geht, aber auch hinsichtlich der Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen und Gefährdungen. In erster Linie werden Betriebsärzte beratend und nicht behandelnd tätig.

Insbesondere, wenn es um die Inklusion von schwerbehinderten Menschen am Arbeitsplatz geht, kann die Schwerbehindertenvertretung im Betriebsrat aktiviert werden, um das Problem im Betrieb selbst mit der Betriebsleitung zu besprechen. Positiver Aspekt dieses Weges ist, dass die Schwerbehindertenvertretung „ihren“ Betrieb und die wichtigen Personen dort kennt, das kann es einfacher machen, Verständnis zu finden bzw. Lösungen am Arbeitsplatz. Leider hat nicht jede Firma einen Betriebsrat.

Ein weiterer Ansatzpunkt für innerbetriebliche Lösungen kann das „Betriebliche Eingliederungsmanagment“ (BEM) sein. Das BEM-Verfahren soll nach § 167 Sozialgesetzbuch IX dazu dienen, alle Möglichkeiten zu erörtern, um den Arbeitsplatz möglichst lange zu erhalten. Das bezieht sich auf alle relevanten Bereiche, z.B. auf Umbaumaßnahmen, Arbeitszeitmodelle oder finanzielle Leistungen. Dies gilt letztlich für alle Arbeitnehmer, die innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen arbeitsunfähig waren, sei es nun „am Stück“ oder über mehrere Zeiträume verteilt. Gerade in den Betrieben, in denen kein Betriebsrat vorhanden ist, kann das BEM-Gespräch ein Mittel sein, gesundheitliche Gründe für die Verschlechterung der Leistung zu erörtern und gemeinsam nach Auswegen zu suchen. Der Arbeitgeber ist gesetzlich verpflichtet, solche BEM-Gespräche anzubieten, dem Arbeitnehmer ist die Teilnahme freigestellt. Eine konstruktive Einigung zur Änderung der konkreten Arbeitsbedingungen liegt aber im Interesse des Arbeitnehmers, der ja am stärksten unter den bisherigen Arbeitsbedingungen leidet, was die lange Arbeitsunfähigkeit dokumentiert.

Außerhalb des Arbeitsplatzes

Die Träger der beruflichen Rehabilitation sind wichtige Ansprechpartner für die Anpassung von Arbeitsplätzen von Menschen mit chronischer Erkrankung oder Behinderung. Hier sei nur an Umbaumaßnahmen am Arbeitsplatz erinnert oder an Umschulungen bzw. Weiterbildungen, die dem Betroffenen helfen, seinen Arbeitsplatz zu behalten oder neue Perspektiven zu finden. Wichtiges Instrument ist daneben oft die Kraftfahrzeughilfe, damit der Betroffene seinen Arbeitsplatz erreichen kann. Letztlich sollen alle Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation dabei unterstützen, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen möglichst lange am Arbeitsleben teilhaben können.

Grundsätzlich ist die Deutsche Rentenversicherung zuständig, wenn die beantragte Maßnahme dazu führt, den Betroffenen im Erwerbsleben zu halten oder ihn dort wieder einzugliedern. Die DRV ist eigentlich erst nach einer Wartezeit von 15 Jahren zuständig. Dies gilt aber nicht, wenn vorher eine Erwerbsminderungsrente bezogen wird und die Maßnahme dazu führt, die Erwerbsminderung aufzuheben. Das Gleiche gilt, wenn durch die Berufstätigkeit die Zahlung einer Rente wegen Erwerbsminderung verhindert wird. Soweit die DRV nicht zuständig ist, ist die Zuständigkeit der Agentur für Arbeit gegeben. Für Leistungen zur Sicherung des Arbeitsplatzes, für personelle Unterstützung, die Arbeitsplatzausstattung für Menschen mit Behinderung liegt die Zuständigkeit beim Integrationsamt bzw. den örtlichen Fürsorgestellen. Es liegt auf der Hand, dass Anträge auf Kostenübernahme vor Durchführung der Maßnahme beantragt werden sollten. Es sollte bereits parallel zur Antragstellung Kontakt mit dem Kostenträger aufgenommen werden. Dies kann zum reibungsloseren Ablauf viel beitragen, weil Fragen direkt erörtert werden können, was spätere Komplikationen unwahrscheinlicher macht.

Auch die beiden jeweiligen Landschaftsverbände in NRW haben Fachkompetenz und Wissen, wenn es um Inklusion am Arbeitsplatz geht. Die Landschaftsverbände haben mit ihren Integrationsämtern seit vielen Jahren den im Sozialgesetzbuch IX verankerten gesetzlichen Auftrag, sich um die Belange behinderter oder von Behinderung bedrohter Arbeitnehmer zu kümmern.

Kein Arbeitnehmer aus Essen oder Warendorf wird großes Interesse haben, für eine Beratung sein Integrationsamt in Köln oder Münster zu kontaktieren. Und Probleme nur am Telefon zu besprechen, ist vielleicht nicht für jeden die passende Alternative. Deshalb gibt es in jeder Stadt oder jedem Kreis das engmaschige Netz der örtlichen Fürsorgestellen als arbeitsplatznahe Vertretung. Diese örtlichen Fürsorgestellen sind Ihnen wahrscheinlich bekannt als die Behörde, die vor Ort Entscheidungen trifft, wenn es um die Zustimmung zur Kündigung schwerbehinderter oder gleichgestellter Arbeitnehmer geht. Aber dann ist das Kind schon (fast) in den Brunnen gefallen, die Zeichen stehen auf Trennung. In dieser Situation dürfte eine inklusive Lösung des Arbeitsplatzproblems sehr schwierig sein. Aber die Kündigung ist ja nur das böse Ende eines Weges. Eigentlich ist Aufgabe und Anspruch der örtlichen Fürsorgestellen der Erhalt des Arbeitsverhältnisses, soweit dies möglich ist. Dazu dienen zunächst die Beratung der Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Dies kann etwa auch ein gemeinsames Gespräch mit den Parteien bedeuten, um im Austausch miteinander gegenteilige Standpunkte wieder auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und durch Absprache den Konflikt zu lösen, bevor er in Richtung Kündigung eskaliert. Teil eines solchen Gesprächs können z.B. technische Hilfen für den Arbeitnehmer sein, um ihm damit die Arbeit zu erleichtern bzw. ihm die Weiterarbeit zu ermöglichen. Aber auch finanzielle Hilfen für den Arbeitgeber sind hier denkbar, um dem Arbeitgeber die Fortführung des Arbeitsverhältnisses schmackhaft und betrieblich tragbar zu machen.

Wichtige Helfer in diesem Bereich sind die Mitarbeiter des Integrationsfachdienstes (IFD). Sie sind besonders spezialisiert auf verschiedene gesundheitliche Einschränkungen. Ihr Vorgehen orientiert sich am Nutzen für den Arbeitnehmer. Dies kann dazu führen, dass diese Mitarbeiter des IFD den Arbeitnehmer an seinem Arbeitsplatz besuchen und beobachten – natürlich nur mit Einverständnis von Arbeitnehmer und Arbeitgeber –, um so im Einzelfall in der Lage zu sein, in der konkreten Situation möglichst passgenaue Hilfen anbieten zu können.

Integrationsämter und Integrationsfachdienste sind für schwerbehinderte Mitarbeiter vor allem eine Unterstützung, um möglichst lange und möglichst gesund einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und behinderungsbedingte Nachteile bzw. Einschränkungen auszugleichen. Neben finanziellen Hilfen, sowohl für Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber, gibt es persönliche Beratungen, Hilfsmittelberatung und -versorgung, sowie gemeinsame Gespräche mit Arbeitgebern, Kostenträgern und Ihnen als Arbeitnehmer. Da die Aufgaben viel vielfältiger sind, als sie hier beschrieben werden können, wird auf folgende Internetseiten verwiesen http://www.ifd-nrw.de/ und https://www.integrationsaemter.de/.

 

Quellen:

Lobert, H. & Schipper, S. (2018). Unterstützungsstellen für chronisch erkrankte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Online-Befragung Teil 2. Einhefter des MS-Magazins 03/2018 des DMSG-Landesverbandes NRW e.V.

Lobert, R., Hinz, D. & Schipper, S. (2016). Teilhabe am Arbeitsplatz. Einhefter des MS-Magazins 02/2016 des DMSG-Landesverbandes NRW e.V.

Lobert, R., Hinz, D. & Schipper, S. (2016). Inklusion in Schule, Studium und Beruf – wo finde ich Hilfe? Einhefter des MS-Magazins 04/2016 des DMSG-Landesverbandes NRW e.V.

Von der Heiden, K. & Schipper, S. (2017). Miteinander stark sein. Netzwerke aufbauen und nutzen. Einhefter des MS-Magazins 03/2017 des DMSG-Landesverbandes NRW e.V.